Drei Töne, die Matthäus bewegen

25.07.20 10:37
  • Impulse
Thomas Zalfen
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Mit dem heutigen Abschnitt endet die Gleichnisrede im Matthäusevangelium. Wieder stellt der Evangelist seiner Gemeinde - und damit uns - drei Gleichnisse aus der Jesusüberlieferung vor. Und wir sind vielleicht sehr schnell dabei, uns in das jeweilige Bild hinein zu vertiefen, ohne die eigentliche Überschifft zu beachten: „Mit dem Himmelreich ist es wie …“. Wie schon am vergangenen Wochenende geht es um das Himmelreich und es lohnt sich zuvor zu klären, was mit dem Himmelreich eigentlich gemeint ist. Uns wurde sehr schnell klar, dass hier eine theologische oder religiöse Hülse vor uns liegt, die jeder, jede mit eigenen Vorstellungen füllt. Die Vorstellungen reichen von „ewiger Wellness“ bis „glückliches Leben nach dem Tod“. Aber auch die Frage, inwieweit das Himmelreich jetzt wirklich oder wichtig ist, wurde gestellt.  


Wenn wir in das Matthäusevangelium schauen dann ist mit „Himmelreich“ die Wirklichkeit Gottes selbst gemeint, die durch die Person Jesu präsent ist. Himmelreich ist die lebendige Beziehung zu Gott selbst, die dem Menschen über die Person Jesu möglich ist und geschenkt wird. Diese Wirklichkeit oder Möglichkeit scheint so schillernd und im wahrsten Sinne unfassbar zu sein, dassdarüber am ehesten über das Medium der Gleichnisse gesprochen werden kann. Wichtig ist, dass durch die Gleichnisse immer nur ein Aspekt hervorgehoben wird.  
Am vergangenen Wochenende ging es um die Tatsache, dass auch Unkraut - also Böses - in der Welt ist. Es ging um die Dynamik, Wachstumskraft und Lebensmöglichkeit, die mit dem Himmelreich in die Welt gekommen ist.   


Mit dem heutigen Abschnitt tritt der Aspekt des Suchens bzw. Findens in den Vordergrund. Wer der Wirklichkeit „Himmelreich“ begegnet, entweder durch Zufall, wie beim Schatz im Acker, oder durch gezieltes Suchen, wie beim Kaufmann mit der Perle, der verändert seinen Fokus. Prioritäten werden anders gesetzt. Eine tiefe innere Freude macht sich bereit und der „Besitz“ des Schatzes bzw. der Perle ist nun das Ziel allen Tuns.  


Die Frage, ob es im Sinne Jesu ist, einen Schatz zu erwerben und ihn vor den Augen anderer zu verbergen, trifft nicht den Sinn des Gleichnisses. Dem Gleichnis geht es lediglich darum deutlich zu machen, wie unendlich kostbar die Wirklichkeit „Himmelreich“ für denjenigen ist, der diese Wirklichkeit für sich entdeckt. Und, dass dieses Finden eine Neuausrichtung und Fokussierung zur Folge hat.  


Im Gespräch wurde sehr deutlich, dass wir alle das sehr wohl kennen, wenn wir etwas unbedingt haben wollen oder, wenn wir uns freuen, etwas für uns Wichtiges in unseren Besitz gebracht zu haben. Ruhig wurde es dann in unserem Kreis bei dem Gedanken, diese Erfahrung mit der Wirklichkeit Gottes in Verbindung zu bringen.  
Das dritte Gleichnis mit dem Fischernetz sorgte dann eher für Verstörung.  
Warum muss es denn jetzt zu einer Aussonderung kommen? Es wurde deutlich, dass mit den Fischen wir Menschen gemeint sind. Aber auf Widerstand stieß, dass bei einer Aussonderung dem Individuum jeglicher Handlungsspielraum genommen ist. Die Frage kam auf, wie denn das mit unserem Bild vom gütigen und freundlichen Jesus zusammenpassen könne.  
Die Auseinandersetzung machte das Ganze nicht unbedingt rund. Und vielleicht ist es auch gut so, dass sich die Kanten des Evangeliums nicht einfach weg reden lassen. Es bleibt anstößig und fordert uns so heraus uns damit zu beschäftigen.  


Wir haben zumindest verstanden, dass es dem Evangelisten zum Ende der Rede wichtig ist, dass es nicht larifari war, was er in den Gleichnissen deutlich machen wollte. Mit der Wirklichkeit „Himmelreich“ stellt Matthäus seiner Gemeinde und somit auch uns eine Wirklichkeit vor, an der man sich messen lassen muss und an der sich „die Geister scheiden“. Als tröstlich wurde zumindest empfunden, dass, wie am vergangenen Sonntag (Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker) auch hier, wieder die Beurteilung, wer denn zu den guten Fischen gehört, nicht den Menschen in die Hand gegeben wird. Da wir sehr gut wissen, wie schnell wir mit Bewertungen und (Vor-)Verurteilungen zur Hand sind, ist es vielleicht besser die Aussonderung den Engeln und somit Gott zu überlassen.   


Mit dem Bild vom Feuerofen und dem Heulen und Zähneknirschen greift Matthäus ein Bild aus dem Propheten Jesaja auf. Matthäus ist ja Jude durch und durch. Er versucht seiner Gemeinde seine Botschaft mit den Bildern seiner Tradition deutlich zu machen. So wie wir drei Töne hören und sofort sagen: „Das ist der Soundtrack von dem und dem Film!“, so nutzt Matthäus diese wenigen Worte um in seiner Gemeinde ein ähnliches „Aha“ zu erzeugen. Die Wirklichkeit „Himmelreich“ ist eng verbunden mit dem, was ihr aus dem Propheten Jesaja also aus eurer Tradition herauskennt.  


Lapidar stellt Jesus dann eine Frage nach dem Verstehen, die mit einem Ja beantwortet wird. Wir mussten schmunzeln. Wenn wir schon so lange über diese wenigen Worte geredet haben und durchaus verstört waren, wie kann dann da ein so klares Ja kommen?  
Wir wissen, dass diese Gleichnisrede und überhaupt die Evangelien keine Mitschriften der Realität sind. Sie sind komponierte Texte. Sie sind erzählte Theologie. Sie wollen helfen in den Glauben hinein zu wachsen. Hilfreich ist daher die Gleichnisrede noch mal ganz in den Blick zu nehmen. Etwa in der Mitte stellten die Jünger Jesus die Frage, warum er überhaupt in Gleichnissen redet. Und in seiner Erklärung sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Euch ist es gegeben die Gleichnisse des Himmelreiches zu verstehen (Vers 11)“ Vielleicht ist dann dieses Ja so zu verstehen: Wer Jünger Jesu ist, kann die Gleichnisse verstehen. Wer Sich aufmacht Jesus hinterherzugehen, der wächst da hinein, das zu verstehen. Matthäus traut es seiner Gemeinde und auch uns zu, dass wir in das Verstehen hineinwachsen.  


Zuletzt wird noch einmal ein Unterschied benannt. Schriftgelehrte kommen im Matthäusevangelium in der Regel nicht gut „weg“. Darum ist es erstaunlich, dass hier ausgerechnet ein Schriftgelehrter gelobt wird. Aber es wird eben klar benannt, was diesen Schriftgelehrten von anderen unterscheidet. Er ist ein Jünger des Himmelreiches geworden. Wer sich also aufmacht und hinter Jesus hergeht, wer die Wirklichkeit „Himmelreich“ in diesem Hinterhergehen hinter Jesus immer besser verstehen lernen möchte, der ist ein solcher Schriftgelehrter. Der schafft es aus seiner Tradition, aus der er kommt und auf der er aufbaut, Schätze heraus zu holen, die er dann mit dem, was er durch Jesus neu lernt, verbinden kann.  


Ihr Pastoralreferent Thomas Zalfen