Ich kenne niemanden

25.06.20 19:28
  • Impulse
Tobias Wolf
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Ich kenne niemanden, der sagt, dies wäre sein Lieblingstext. Selten sind Jesu Worte sperriger, kontraintuitiver als hier:
Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Wer nicht sein Kreuz nicht auf sich nimmt, ist meiner nicht wert. Aber was hieße das überhaupt: Jemanden mehr lieben als Jesus? Was wäre diese große Verfehlung? Es heißt ziemlich sicher nicht, Sonntags nicht in die Kirche gehen, um mit den Kindern in den Wald zu fahren. Es heißt ziemlich sicher nicht, das persönliche Abendgebet ausfallen zu lassen, um mit meiner Mutter zu telefonieren. Es heißt ziemlich sicher auch nicht, auf den Priesterberuf zu verzichten, um Partnerschaft zu leben. Es hieße doch wohl hier, dass ich mich um eines Menschen willen gegen das entscheide, wofür Jesus steht: Also gegen die Liebe. Wenn ein Mensch mich dazu bringen sollte, lieblos zu leben – und das scheint doch ein ziemlich großes „Wenn“ zu sein, dann muss ich mich in der Nachfolge Jesu tatsächlich gegen diesen Menschen entscheiden.
Denn nur in diesem Sonderfall stehe ich doch in der Entscheidung zwischen zwei Polen, ansonsten liegen Liebe zu einem Menschen und Liebe zu Jesus immer auf einer Linie. Und dafür, für dieses Mehr an Liebe, an Leben, kann und muss ich mich unter Umständen (!) auch dem Kreuz stellen, weil das Kreuz ablehnen hieße, die Liebe zu verraten. Wie der Franziskanerpater Richard Rohr so schlicht wie treffend formuliert: In deinem Leben geht es nicht um dich.