„Jib ihm doch wat zu essen!“

31.07.20 17:29
  • Impulse
Peter Otten
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Seit einiger Zeit esse ich hin und wieder mit einer alten Dame, die nicht mehr laufen kann zu Mittag. Ich bringe meistens Nudeln mit, weil ich gemerkt habe, dass sie gern Nudeln isst. Wir sitzen dann am Esszimmertisch. Und unten auf dem Boden sitzt mein Hund und frisst dasselbe Essen aus seinem Napf.  
Und das kam so. „Kriegt der Hund nix?“ hat die Dame eines Tages gefragt. „Ich kann dat nit haben, wenn der nix kriegt. Der guckt immer so traurich“ hat sie in breitem Kölsch gesagt. „Jib ihm doch wat zu essen. Oder maach er dat nit?“ 

Seitdem sitzt Greta mit am Tisch, genauer gesagt eben daneben. Manchmal hab ich was vergessen und laufe kurz in die Küche. Wenn ich dann wiederkomme sehe ich manchmal, wie die Dame ein Extra-Stück vom Würstchen oder eine Nudel in Gretas Napf fallen lässt. Ich tue dann so, als hätte ich das nicht gesehen. Dann sitzen wir drei da. Die Dame ist jedenfalls erst zufrieden, wenn auch der Hund satt ist. 

Und ich denke: So lange es noch Menschen wie sie gibt, ist die Welt nicht verloren. 
„Jib ihm doch wat zu essen.“ Das ist die Situation des Evangeliums, was wir am Sonntag hören. Was ist passiert? Jesus hat sich aufs Land zurückgezogen, doch die Leute aus der Stadt spüren ihn auf. Immer mehr werden es. Jesus sieht sie, hat Mitleid und kümmert sich um die Kranken. Das dauert. Die Jünger sehen das und bekommen Schiss. Bald kommt die Dämmerung, und mit ihr der Hunger. Eine Katastrophe! Wie sollen die 5.000 Männer, dazu noch Frauen und Kinder – also wie sollen die sicher über 10.000 Menschen etwas zu essen bekommen? So kommen sie auf eine naheliegende Lösung: „Sollen die Leute sich selbst drum kümmern. Wenn sie jetzt losgehen, können sie sich noch rechtzeitig in der Stadt was kaufen.“ Übersetzt heißt das: „Das ist deren Bier. Das müssen die selbst wissen. Da bin ich jetzt nicht zuständig. Da bin ich raus.“ Solche Sprüche sind bekannt. 


Jesu Ansatz hingegen ist anders und - verblüffend. Ich höre ihn, als ich die Geschichte noch mal lese mit der rauchigen Stimme der alten Dame sprechen, mit der ich Mittag esse: „De Leute brauchen nit wegzujehen. Jebt ihnen doch wat zu essen! Oder möjen die dat nit?“ Das Verblüffende: Jesus hat in der Geschichte keinerlei Zweifel daran, dass die Jünger das hinkriegen: die hungernden Menschen satt zu kriegen – genauso wie meine Mittagessendame nie Zweifel daran hat, dass -wenn schon gegessen wird - zuerst der Hund was abbekommen muss und es für alle reicht – inklusive Hund. Jesu ruhiges Zutrauen in die Kreativität, den Verstand, die soziale Ader, das Verantwortungsbewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen ist grandios. Keine Panik, ihr schafft das. 
Und in dem, was in der nächsten Szene wortlos folgt, wird deutlich, was passieren muss, damit sie es schaffen: Das, was da ist ohne großes Gedöns aber mit großer Aufmerksamkeit brechen und nochmal brechen und teilen. Mit anderen Worten: Es muss Eucharistie passieren. Eucharistie, Communio bedeutet ja, dass da einer ist, der den Blick weit macht – das ist wohl gemeint, wenn einer „zum Himmel blickt“. Der anderen zutraut, eine Herausforderung, eine Notlage zu meistern. Der die anderen aber nicht im Riss lässt und sich davonstiehlt und „das ist euer Bier!“ sagt. Der aber auch nicht anweist und kontrolliert, sondern befähigt, ermuntert und schließlich loslässt.  
Das Evangelium – auch eine Parabel über Leiten und Verantwortung. Es leitet der, der stetig und bedächtig die Augen Gottes auf die hungernde Welt lenkt und damit die Energie der Vielen anfacht. Es leitet nicht unbedingt der, der den Hut aufhat, sondern der, der Gott und den Menschen die tollsten Dinge zutraut. Sogar das Unwahrscheinlichste: So etwas wie die Verwandlung der Welt. 


Eine schöne Woche und eine gute Zeit wünscht 
Pastoralreferent Peter Otten 
Text: Mt 14, 13 – 21 
Foto: Peter Otten