Und wenn ich am nächsten Morgen darüber nachdenke..

19.06.20 18:27
  • Impulse
Tobias Wolf

Es gibt solche Momente, und meistens sind es Nächte, in denen glaubt man, die
Weltformel gefunden zu haben. Es scheint, als hätte sich der Schleier über der
Wirklichkeit für einen Augenblick gelüftet und man hätte einen Blick auf das
erhascht, was die Welt „im Innersten zusammenhält“. Ob es an der anregenden
Gesellschaft, an einem ergreifenden Film, an der überwältigenden Natur oder am
Alkohol liegt: Für einen Augenblick macht alles Sinn.
- Und wenn ich am nächsten Morgen darüber nachdenke, oder spätestens, wenn ich
versuche, es in Worte zu fassen, erscheint es mir lächerlich, kleingeistig und
kindisch.
Ich glaube, was uns davon abhält, im Licht von dem zu reden, was Gott uns im
Dunkeln sagt, ist nicht, dass wir das geheime Wissen für uns behalten wollen. Ich
glaube, was uns abhält, ist die Angst, für das, was uns heilig ist, belächelt zu
werden. Wir haben Angst, dass niemand verstehen kann, was es für uns bedeutet,
was wir erkannt haben, dass es womöglich gar keine „berechtigte“ Erkenntnis war,
sondern nur irgendein Quatsch, den wir uns in einem umnebelten Moment
zusammengereimt haben.
Das liegt sicher auch daran, dass wir meinen, solche Wahrheiten und Erkenntnisse
müssten ewig, unumstößlich und universal sein. Müssen sie vielleicht gar nicht.
Vielleicht müssen sie nur persönlich, lebendig und echt sein. Und vielleicht wäre die
Welt eine andere, wenn wir diese unsere ganz persönlichen Gotteserkenntnisse von
den Dächern riefen.
Fürchtet euch nicht vor denen, die die Seele nicht töten können. Was in deiner Seele
lebt, kann dir niemand nehmen.
Aber vielleicht erkennt jemand sich in der Wahrheit deiner Seele wieder, wenn du sie
hinausrufst und vielleicht machst du jemandem Mut, auch seine Wahrheit ans Licht
zu bringen.