Impuls von Diakon Ulrich Merz

Treffend zeichnet die bekannte Emmausgeschichte (Lukas 24,13-35) die Situation der Jünger am Ostertag und die Situation, in der wir heute leben.                                                     

Zwei Menschen verlassen am Ostertag die Stadt - enttäuscht, verängstigt. Ihr Glaube ist erschüttert, ihr Herz stumpf. Jesus, dem sie geglaubt hatten war gescheitert. 
Hat er uns getäuscht oder haben wir uns getäuscht in ihm? Das ist ihre Frage. 
Das Häuflein seiner Anhänger ist dezimiert, zerstreut und zerstritten, ähnlich wie die Kirche heute, die in einer tiefen Krise steckt, die sie sich zum großen Teil selbst eingebrockt hat.

Viele Christen sind heute auf der Flucht: raus aus der Kirche.

Die beiden Jünger damals sind auch auf der Flucht: raus aus Jerusalem, weg vom Ort der enttäuschten Hoffnungen und weg von Petrus und den Anderen, die so zaghaft, mutlos und ohne Antworten und Visionen auf die Krise sind.

Der Unterschied, zwischen der Krise der beiden Jünger und der Krise unserer Zeit ist dieser: sie wussten noch nichts von der Auferstehung. 

Wir aber sind österliche Menschen, könnten es sein, könnten darauf vertrauen, dass Jesus lebt und alle, die sich auf ihn wirklich einlassen, führt und stärkt.

 

Während die Beiden befangen sind in ihrem Pessimismus und düstere Reden führen, nähert sich ihnen nun Jesus. Doch sie sind mit Blindheit geschlagen. 

Er ist auch bei uns, wenn wir nicht fertig werden mit unseren Fragen über all das, was in unserer Welt an Sinnlosigkeit, Unrecht und Tragischem geschieht: 
ob es das Coronavirus ist mit all seinen Folgen, die Klimafrage, die nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüßt hat, die Situation in den

Flüchtlingslagern auf Lesbos oder eben auch die Fragen, denen sich die katholische Kirche (neu und ernsthaft) zu stellen hat. 

Aber auch in solchen Situationen geschieht es, dass der Herr da ist. Bemerken wir ihn? 
Unsere Augen sind oft ebenfalls blind, sehen vieles andere, aber nicht ihn.

Die beiden Wanderer gehen weiter. Sie können ja nicht stehen bleiben. Auch wir können nicht stehen bleiben. Auch im Leid und in der Unsicherheit muss es irgendwie  weitergehen. Wir brauchen (vielleicht gerade dann, wenn es Stillstand gibt) Ziele, Perspektiven, Visionen, Strategien, die Sinn machen und Sinn (er)geben.

Lange mag der unbekannte Partner so neben den beiden Jüngern gegangen sein: still und zuhörend. Plötzlich bricht Jesus das Schweigen: "Was sind das für Dinge, die ihr miteinander redet?"

Die Frage trifft sie wie ein Schock, sie zwingt sie zum Nachdenken. Dann folgt Frage auf Frage im Dialog. Jesus legt den beiden dar, was in der ganzen Schrift über ihn geschrieben steht. Er    zeigt ihnen den Zusammenhang der verborgenen Heilswege Gottes und führt sie auf das entscheidende Geheimnis hin - die Mitte des ganzen Evangeliums - auf seinen Tod und seine Auferstehung:                                           

Letztlich musste Jesus diesen Weg gehen, um zu offenbaren, wie sehr Gott jeden einzelnen Menschen liebt. Menschen sollen das Leben in Fülle haben, unbeschwert von Schuldgefühlen, erlöst von der Angst, vor Einsamkeit und sogar von dem Tod. Gott liebt auch dich mit all deinen Macken und Unvollkommenheiten. Wärst du es ihm nicht wert, wäre Jesus den grausamen Weg ans Kreuz nicht gegangen …

Jesus gibt den Jüngern den Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. Aufschließen müssen sie selber. Genauso wie du und ich es heute auch tun können.

Dazu braucht es ein langes Hinhören. Es braucht, viel im Gespräch zu sein, untereinander und auch mit Gott. Es braucht auch, althergebrachte Sehgewohnheiten zu überwinden, damit Klarheit und Erkenntnis entstehen können.

Die beiden Emmausjünger sind noch nicht so weit. Die Ergriffenheit hat zwar begonnen, 
das Brennen des Herzens. Sie spüren, dass sie den geheimnisvollen Begleiter brauchen, der sie verlassen möchte:  --- Bleibe bei uns!

Das Gespräch wird nun zum Gebet, zum Gebet aus der Not, aus der Unsicherheit, 
aus dem brennenden Herzen. Nichts Vorformuliertes, sondern Aktuelles und Authentisches, frei von der Leber formuliert! Bleibe bei uns! Verlass uns nicht!

So zu beten ist großartig, es ist existenziell, ehrlich und somit auch relevant. Keine religiöse Pflichtübung, sondern inneres Bedürfnis und Gewinn für’s eigene Leben!

Jesus bleibt wirklich bei ihnen, setzt sich mit ihnen an den Tisch, nimmt das Brot, spricht den Segen, bricht es und gibt es ihnen.  

Das ist der Augenblick, wo sie erkennen, wo ihnen die Augen aufgehen.

Es sind die inneren Augen, die Erfahrung des Herzens, die ihnen nun Gewissheit geben: Er lebt – er ist auferstanden, er hat die Welt mit all ihrem Leid überwunden.

Und wir können das genauso erleben, wenn wir es schaffen, uns vom Herrn die Augen öffnen zu lassen, damit auch unser Herz brennt und wir dadurch in Gelassenheit und festem Vertrauen den Ungereimtheiten und Unsicherheiten unseres Alltags begegnen.

 

Als österlicher Mensch muss ich nicht mehr ängstlich sein, sondern darf Vertrauen haben in eine gute Zukunft. Veränderungen gehören zum Leben dazu, sind manchmal schmerzhaft, aber lebensnotwendig, das lehrt uns auch Corona. 

Erst recht steht der Kirche dieses Grundvertrauen, dass der Auferstandene auch heute bei den Menschen ist, bei all den Reformdebatten und Zukunftsdialogen gut zu Gesicht.

Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen und Dir
Diakon Ulrich Merz