Gedanken von Pfarrer Bernhard Wagner

Palmsonntag 2020 

Ich bin in den letzten Wochen öfter gefragt worden: „Wie erklären Sie als Priester diese Krise?“ Ich habe gemerkt, dass ich nicht zu irgendwelchen übernatürlichen Erklärungen neige. Ich habe geantwortet: „Ich frage die Mediziner und Virologen. Die sollen mir diese Krise erklären.“


Auch ein Blick in die Geschichte trägt zur Erklärung bei. Viele Archäologen vermuten, dass die Menschen über Jahrhunderttausende hinweg, als sie als Jäger und Sammler durch die Landschaft zogen, wenig anfällig für Infektionskrankheiten waren. Das änderte sich mit der neolithischen Revolution, also der Sesshaftwerdung, die im 9. Jahrtausend v. Chr. im Nahen Osten begann. Die Menschen änderten ihr Lebens- und Ernährungsweise. Ihr Immunsystem wurde schwächer und ihr Körper konnte sich nicht mehr so gut gegen krankmachende Keime wehren. In den neu entstehenden Siedlungen lebten mehr Menschen auf engem Raum zusammen, sodass eine Krankheit schnell viele von ihnen befallen konnte. Es entstand schon bald ein reger Handel. War ein Händler mit einem Virus infiziert und erreichte eine Siedlung, war das Virus in der Siedlung angekommen und begann dort seinen Siegeszug. Archäologen haben durch die Analyse von Knochenfunden entdeckt, dass in solchen Fällen oft die gesamte Einwohnerschaft von Dörfern oder sogar Städten starb. Schon die erste Revolution in der Menschheitsgeschichte hat ihre Kinder gefressen.


In unserer Zeit haben sich diese Faktoren sogar noch verstärkt. Wir sind heute viel mehr Menschen, unsere Städte sind viel größer geworden. Große Metropolen sind oft das Epizentrum der Pandemie: Wuhan, Madrid, New York. Unsere Mobilität ist viel größer:
Zahlreiche Menschen sind unterwegs: im Handel, auf Geschäftsreisen, etc. Heute reisen jedes Jahr 1,4 Milliarden Menschen auf Urlaubsreisen durch die Welt. Wir wissen, dass Touristen maßgeblich dazu beigetragen haben, das Corona-Virus zu verbreiten. Auch die Zerstörung von Natur erhöht das Risiko, dass Viren auf uns Menschen überspringen. Und einige Mediziner weisen darauf hin, dass die Sterblichkeitsrate dort besonders hoch ist, wo die Luftverschmutzung durch Industrie und Verkehr überdurchschnittlich hoch ist. Die
Veränderungen unseres Lebensstils in der modernen Zeit haben uns noch anfälliger für Infektionskrankheiten gemacht.


Während ich versuche, mir die Ursachen und den Verlauf der Pandemie auf solch nüchterne Weise zu erklären, stelle ich mir doch noch eine andere Frage: Hat diese Krise eine Botschaft an uns? Dazu ist mir in den letzten Wochen schon eine Menge eingefallen.Ich möchte nur einen Aspekt herausgreifen: Diese Pandemie führt uns vor Augen, dass wir trotz allem Fortschritt und Wohlstand Grenzen haben, und dass unser Leben zerbrechlich und endlich ist. Unsere vermeintliche Sicherheit wird auf eine Weise infrage gestellt, wie
wir uns das vor wenigen Wochen noch nicht vorstellen konnten.


Am Palmsonntag schauen wir Christen auf das Leiden Jesu. Wir schauen darauf, dass Jesus an ein Kreuz genagelt wurde und daran starb. Auf eine kaum erträgliche Weise wird uns gezeigt, dass Ohnmacht, Leiden und Tod zu unserem Leben dazugehören. Der
Theologe Karl Rahner hat einmal geschrieben: „Im Leiden seines Sohnes hat Gott das Bild eines Menschen vor uns aufgerichtet, dass
nicht alles vom Menschen zeigt, aber all das, was wir für gewöhnlich gerne vor uns selbst verbergen.“ Wenn wir aber auf den Gekreuzigten schauen und vor diesem Teil unserer menschlichen Existenz nicht die Augen verschließen, können wir einen tieferen Blick auf unser Leben gewinnen. Vor vielen Jahrhunderten betete ein Glaubender im Volk Israel: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ (Psalm 90,12)


Wir werden uns bewusster fragen, was wir mit der begrenzten Zeit anfangen wollen und was uns für unser Leben wirklich wichtig ist. Und wenn wir daran denken, wie zerbrechlich und endlich das Leben der anderen Menschen ist, denen wir begegnen, können wir ihnen
aufmerksamer begegnen. Papst Franziskus hat bei seinem Gebet auf dem leeren, dunklen und verregneten Petersplatz gesagt: „Es ist nicht die Zeit deines Urteils, Gott, es ist die Zeit unseres Urteils.“ Wir können diese Zeit nutzen, um uns zu entscheiden.


Bibeltexte für Palmsonntag:

  • Matthäus 21,1 – 11 (Einzug in Jerusalem)
  • Matthäus 27,11 – 54 (Das Leiden Jesu)