Maskenpflicht und Gottes Angesicht

Die deutsche Sprache unterscheidet „Gesicht“ und „Person“. Dennoch zeigen bildhafte Redewendungen unserer Umgangssprache, dass beides aufs engste miteinander verknüpft ist. Ein Gesicht drückt etwas aus („Gesichtsausdruck“). Es hat unverwechselbare individuelle Merkmale. Es sagt aber auch etwas über die Wesensart dessen, dem es gehört. Wer sein „Gesicht verliert“, verliert nicht sein Aussehen, sondern sein Ansehen als Mensch und als Persönlichkeit. Wer „Profil zeigt“, ist eine markante Persönlichkeit.


Worin sieht man zuerst bei einem Menschen? Gelegentlich von den Medien gestartete Umfragen bestätigen eine alte Erfahrung: Das Gesicht eines Menschen zieht zuerst die Blicke an. Und im Gesicht sind es die Augen und der Mund, auf die sich schließlich die forschenden Blicke konzentrieren. Im Kopf eines Menschen sind seine wichtigsten Wahrnehmungsorgane versammelt: die
Organe des Sehens, des Hörens, des Riechens und Schmeckens, aber auch jene, mit denen der Mensch reagiert: die Lippen, mit denen er Worte formuliert; die Stirn, hinter der er seine Gedanken entwickelt. Die Regel ist, dass diese Organe in einer Art konzertierter Aktion zusammenwirken: im „Ausdruck“ des Gesichts, in dem wir „lesen“, dessen Bedeutung wir zu entschlüsseln versuchen. Das Runzeln der Stirn, das Beben der Nasenflügel, das Zucken des Mundes, die Blässe oder Röte der Wangen, der freundliche oder gehetzte Blick machen eine „Aussage“ darüber, wie ein Menschen dem anderen zu begegnen gedenkt oder auf eine Begegnung reagiert.


Seit Montag sind wir angehalten, in Bussen, Bahnen und Geschäften Mundschutz zu tragen. Diese Maßnahme soll die Verbreitung des Virus hemmen und die Lockerungen im Alltagsleben begleiten. Sie ist notwendig, aber auch eine große Herausforderung. Nicht nur wegen der korrekten Handhabung. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wünschen uns ein „Feedback“, eine Rückmeldung
darüber, wie wir und unsere Worte beim anderen ankommen. Das geschieht in der täglichen Kommunikation vorwiegend nonverbal, durch unseren Gesichtsausdruck. Wenn nun Mund und Nase mit einer Maske verdeckt sind, kann uns das verunsichern. Denn wir können nicht einschätzen, wie unser Gegenüber auf uns reagiert. Immerhin können wir noch durch die Augenpartie erkennen, was beim anderen los ist, welche Emotionen ihn bewegen.


Durch die Maske fühlen wir uns ausgerechnet jetzt noch ein Stück anonymer, weil sie das Lächeln verdeckt. Erst ein Lächeln macht aus einem Blickkontakt eine angenehme Begegnung. Ein kurz ausgetauschtes Lächeln, zum Beispiel an der Kasse, macht meist die kleinen Momente des Alltags aus, die uns ein bisschen Sonne ins Gemüt zaubern.


Sie kennen vielleicht aus dem Alten Testament den Aaronsegen. Im jüdischen Gottesdienst hatte er einen festen Platz. Jesus hat ihn gekannt und gehört und gesprochen: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden (Num 6,24-26). Diese Gewissheit, vor Gottes Angesicht zu stehen, sagt mir gerade in der gegenwärtigen Krise: dass da einer ist, der sich nicht von mir abwendet, der mich nicht übersieht; dass da einer ist, der sich mir zuwendet, mich anschaut; dass da einer ist, der mich anstrahlt wie eine wärmende Sonne, der bei mir zum Blühen bringt, was schon abgestorben und tot schien.


Pfr. Dr. Peter Seul