Pfr. Dr. Dominik Meiering am 6. Sonntag der Osterzeit

Pfarrer-Meiering-Koeln

Jeder hat hier seinen Platz!

Was soll man bei der Feier die Liturgie vor allem im Blick haben? Die Schwestern und Brüder als feiernde Gemeinde und als der lebendige Christus, der sich in jedem Gottesdienst neu versammelt? Oder eher Christus, der ganz andere, der im Wort der Hl. Schrift und im Sakrament des Altares Orientierung schenkt?


Die vielen Zuschriften und Anmerkungen zu dem Experiment der Neuaufstellung der Bänke in Sankt Gereon haben viel mit der Frage danach zu tun, was für diesen Raum angemessen ist bzw. was ihm zuzumuten ist. Denn jeder Kirchraum hat eine eigene Identität, die ernst genommen werden will. Sichtachsen, Raumteile, Stufenanlagen und Raumhöhen gliedern den Kirchraum zu einem Erfahrungsraum für jeden Kirchenbesucher und Gottesdienstteilnehmer. Gleichzeitig gilt: der Kirchraum ist auch Liturge, d.h. er spielt beim liturgischen Geschehen wesentlich mit.


Die Frage danach, wie sich die Gottesdienstgemeinde als lebendiger Christus um das Wort Gottes und das Altarssakrament versammeln kann, ist spätestens seit der liturgischen Bewegung in den 1930er Jahren diskutiert worden. Viele der Ideen von damals sind später in die Kirchbauarchitektur nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeflossen. Zu dieser Zeit schien es wichtig, die Gemeinde als Volk Gottes intensiver am Gottesdienstgeschehen zu beteiligen ("partizipatio actuosa") und dies auch im Kirchenbau und in der Ordnung der liturgischen Ausstattung abzubilden. Die Diskussion hält bis zum heutigen Tag an.

Vor allem drei Modelle liturgischer Orientierung sind in den vergangenen Jahrzehnten in den Kirchräumen immer wieder realisiert worden: (1) Die Wege-Kirche, bei der die Gemeindebänke ausdrücken, dass man in die gleiche Richtung schaut und auf Gott zugeht, (2) die Circumstantes-Anordnung, wo die Bänke rund um Altar, Ambo und Vorstehersitz [3] gruppiert sind, und (3) das Zwei-Ellipsen-Modell, wobei die Bänke elliptisch angeordnet sind und die Brennpunkte der Ellipse durch den Altar und den Ambo markiert werden.


Die Wege-Kirche ist ganz auf die Begegnung der Gemeinde mit dem unzugänglichen Gott orientiert, der sich im (Altar-)Bild und natürlich v.a. im Wort und im Sakrament verhüllt zeigt. Das Ellipsen-Modell dagegen betont eher die Erfahrung, gemeinschaftlich versammelt zu sein. Jemand hat mal gesagt: Bei der Wegekirche schaue ich Gott in die Augen, beim Ellipsenmodell schaue ich Gott in meinen Mitchristen in die Augen. Andres formuliert: Die kultischen Orte stehen beim Ellipsen-Modell wie bei uns in St. Gereon im Augenblick zwar im Mittelpunkt – allerdings so, dass sie durchsichtig bleiben auf den mitfeiernden Christ auf der Seite gegenüber. Die „Circumstanzes“-Anordnung könnte man als ein Modell bezeichnen, dass sich theologisch zwischen diesen beiden pastoralliturgischen Polen befindet. Hier orientiert man sich gemeinsam auf Altar und Ambo - ohne jedoch den mitfeiernden Christen an meiner Seite aus dem Blick zu verlieren.


Ich muss ehrlich bekennen: Mich erfreut die derzeit stattfindende Diskussion rund um die Frage nach der Aufstellung der Kirchenbänke in St. Gereon. Denn – unabhängig davon, wie wir mit dem Experiment weiter verfahren und wie viele Experimente vielleicht noch kommen werden – keimen unter den Besuchern und Gemeindemitgliedern schöne Diskussionen darüber auf, wie wir miteinander Gemeinde sein wollen. Es gibt daher für mich in dieser Phase kein richtig oder falsch. Vielleicht haben wir stattdessen die Chance, einmal eine andere Raum- und Gottesdiensterfahrung miteinander zu teilen und darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. So wie sich der eine an der neuen Situation vielleicht erfreut, tut sich der andere vielleicht schwer damit. Mir geht es genauso. Manches gefällt
mir an der Situation sehr gut, anderes irritiert mich. Ich habe mir vorgenommen, diesen Gefühlen in meinem Denken und in meinem Herzen Raum zu geben, den unterschiedlichen Gefühlen nachzuspüren und mit anderen darüber zu reden. Und ich bin mir sicher, dass so viele Neuentdeckungen möglich werden - für mich und für andere.


So oder so gilt: wir sind hier am richtigen Platz: „Gott hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben.“ (Eph 2, 6)

Ihr Dr. Dominik Meiering