Selbstverwirklichung

Impuls zum 5. Fastensonntag von Diakon Uli Merz
samen
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Datum:
19. März 2021
Von:
Florian Duczek

Selbstverwirklichung ist heute ein positiv besetzter Wert und bedeutet die Möglichkeit, sich so entwickeln zu dürfen, wie es den eigenen Bedürfnissen, Interessen und Begabungen entspricht.

Setzt das Evangelium dem etwas unvereinbar entgegen? Wie heißt es dort: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es, wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahrenbis ins ewige Leben.“(Vers 25) Das ist doch offenbar das Gegenteil von Selbstverwirklichung?!

Oder gibt es eine Selbstverwirklichung im Sinne Jesu, die anders aussieht, als jene, die uns heutigen Menschen sowichtig ist?Selbstverwirklichung im Sinn des heutigenEvangeliums. heißt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt undstirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Vers 24) Dieses Bildwort hat Jesus in seinem ganzen Leben in die Tatumgesetzt. Er hängt nicht an seinem Leben / er legt alles ab, was er hat:

-sein Gott-Sein tauscht er gegen sein Mensch-Sein,

-der Ewige-Unendlichetritt ein in Zeit und Endlichkeit,

-der Große wird das Kind kleiner Leute,

-er selbst spricht davon, dasses den Vögeln und Füchsen bessergeht als ihm: jene haben Nester und Höhlen,er selbst keinen Platz, um sein Haupt hinlegen zu können.

-Er gibt schließlich sein Leben hin: zwischen Himmel und Erde hängend, ausgestoßen, ausgeschlossen, „weil die Seinen Ihn nicht aufnahmen“.

Dass Jesus aber so den Sinn für sein Leben findet, dafür steht Ostern. Da geht das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird, auf und bringt reichlich Frucht. So glauben und bekennen wir es von Jesus Christus. So glauben und bekennen wir, dass seinLeben Maßstab und Modell für unser Leben sein sollte.

An dieser Stelle fällt nun einmal auf, dass wir mit unserer Selbstverwirklichung von diesem Modellfall des Lebens weit weg sind. Unser Leben ist nicht so sehr geprägt vom Weggeben, sondern vom Behalten. Ob es nun um Materielles oder auch um Dinge wie Macht und Einfluss geht (dies gilt übrigens auch für den kirchlichen Kontext). Der Materialismus, im Finanziellen wie im Geistigen, hat uns erfasst und wird wohl, je länger er andauert, zur Tragik unserer Zeit. Selbstverwirklichung im Sinne Jesus ist da, wo ich anderen nicht schade; wo sie nicht auf Kosten anderer geht, wo ich dabei nicht über Leichen gehe, wo ich mir noch das Gespür für die Anliegen der anderen bewahre, wo ich noch offen genug bin, mich selbst zu hinterfragen. 

Die Selbstverwirklichung Jesu hängt die Messlatte sehr hoch! Selbstverwirklichung JA, aber nicht um jeden Preis. Nicht UNBEDINGT: Nicht nur Haben und Behalten, Erwerben und Vermehren, sondern auch Geben und Verschenken, Annehmen und sich Verdanktwissen. Leben und leben lassen. Und dazu gehört auch Toleranz und Akzeptanz. Wenn das für draußen gilt, gilt es auch im Kirchraum: es dürfen alle kommen, die hier von Gott beschenkt werden wollen, die Gottes Nähe suchen und Christi Hilfe brauchen, die den Segen Gottes über ihr Leben wissen wollen. Deshalb geht mein Werben heute dahin, im Sinne Jesu zuzulassen, zu ermutigen, zu bestärken, aufzubauen und uns gegenseitig Schutz zu geben. Nichts anderes tat Jesus. Und so sagt er: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach und wo ich bin, wird auch mein Diener sein“ (Vers 26). Wenn wir bei Jesus sind, bei ihm ankommen, dann haben wir einen guten Schritt in Richtung Selbstverwirklichung getan.

Somit wünsche ich Ihnen und Dir eine gute, aufbauende und gesegnete Woche, fast auf der Zielgeraden der Fastenzeit!