Zugvögel

Geistlicher Impuls zum 15. Sonntag im Jahreskreis von Diakon Uli Merz
zugvögel
zugvögel
Datum:
9. Juli 2021
Von:
Florian Duczek

Vielleicht haben Sie ja in diesen Tagen Zeit und Muße sich ein paar Minuten mit Fragen auseinanderzusetzen, die im normalen Alltag oft untergehen. Die aber doch spannend und wert sind, bedacht zu werden.

Vielleicht sind Sie (bald) im Urlaub und haben die Möglichkeit, wunderschöne Natur zu entdecken, Tiere zu beobachten, sich selbst in dieser Welt zu spüren und wahrzunehmen.

Vielleicht haben Sie dann das Gefühl oder die Ahnung mit dem, was Sie umgibt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise verbunden zu sein?

Vielleicht lässt sich dieses Gefühl ja als Gotteserfahrung deuten? Der im letzten Jahr verstorbene katholische Priester, sozialistische Politiker und Dichter Ernesto Cardenal war ein feinfühliger und tiefsinniger Beobachter.

Vielleicht können Sie sich an diese seine Beobachtungen und Gedanken andocken? Probieren Sie es doch mal und eventuell tut sich eine gute Erkenntnis auf:

 

Wie Zugvögel

Weil Gott auf dem Grund jeder Seele wohnt,

ist die Seele unendlich und kann mit nichts gefüllt werden als mit Gott.

Die Menschen sind mit den Dingen dieser Erde nie zufrieden,

weil sie nicht für sie geschaffen wurden.

Die Tiere befriedigen ihre Bedürfnisse und brauchen nicht mehr.

Sie spüren keinen Durst nach Unendlichkeit in sich,

und diese Erde ist ihr Himmel.

Unser Sein aber ist entworfen worden,

um Gott zu lieben,

um ihn zu besitzen,

wie die Makrele entworfen wurde zum Schwimmen und die Möwe zum Fliegen.

Obwohl wir Gott nie gesehen haben, sind wir wie Zugvögel,

die, an einem fremden Ort geboren,

doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden, wenn der Winter naht,

eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat, die sie nie gesehen haben

und zu der sie aufbrechen,

ohne zu wissen, wohin.

 

aus: Ernesto Cardenal, Das Buch von der Liebe